Späte Rede an junge Menschen

Ein Pladoyer für Optimismus
am 17.04.2016 im Kulturjournal von Bayern 2:

Gert Heidenreich
Euch wird nichts geschenkt

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©Gert Heidenreich2016
Hier der Text, vom Autor Gert Heidenreich zur Verfügung gestellt:

"Ich halte nichts von der unverabredeten Kumpanei, mit der das schwedische Möbelhaus
oder diverse Verkehrswellen jeden von uns mit Du anreden – doch für die nächsten Zeilen und Minuten bediene ich mich derselben Vertraulichkeit und spreche euch, die Jungen nämlich, als viel älterer Freund an.
Ich wünsche mir, dass ihr hoffnungsvoll nach vorn blickt – und sehe, dass solche Zuversicht in der gegenwärtigen Lage mehr Mut verlangt, als ich ihn in eurem Alter brauchte.
Eure Situation hat mit der meinen damals wenig gemeinsam. Ich war jung nach einem
entsetzlichen Krieg und unermesslichen Verbrechen im Namen der Nation, zu der ich
darum nicht gern gehörte; wir besaßen materiell fast nichts – doch wir hatten einen unbegrenzten
Vorrat an Zukunftsglauben, der uns am Leben hielt. Die Welt war bereit für
Veränderung, alle Türen standen offen, dem Blick zurück im Zorn entsprach der Blick
nach vorn auf fraglos kommendes Glück.
Ihr lebt als Europäer in einer Welt des Überflusses, in der maßlosem Luxus zwar bitterer
Mangel gegenüber steht, doch Chancen auf ein auskömmliches Leben für fast jeden gegeben
sind, der die entsprechenden Lernanstrengungen unternimmt.
Aber Vertrauen in die Zukunft? Das fällt schwer in einer Welt voll Krieg, Kinderversklavung
und blutrünstigem Religionsfanatismus; einer Welt mit Bergen Atommüll und
sterbenden Meeren; einer Welt, deren Waldressourcen mitsamt ihrer Fauna an der ungehemmten
Profitgier von Konzernen zugrunde gehen. Es ist die Welt, die wir euch hinterlassen,
und wir müssen euch um Nachsicht bitten.
Wir hatten es schwerer und leichter. Wir traten traumatisiert, aber mit gutem Gewissen
gegen die von Nazis durchwachsene Vätergesellschaft an, die Adenauer uns beschert
hatte – gemäß seiner Devise, wenn kein reines Wasser verfügbar sei, müsse man dreckiges
behalten.1 Wir mussten gegen die uns oktroyierte Gehorsamserziehung aufbegehren,
gemäß dem Lebensmotto, das der Dichter Günter Eich 1951 formuliert hatte: Schlaft
nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! ...Wacht darüber, dass eure Herzen
nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird! Tut das Unnütze, singt die
Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe
der Welt!2
Wir hatten gelernt, an allem zu zweifeln; aber auch: an Lösungen zu glauben. Wie jede
Generation haben wir Fehler gemacht – vor allem mit unserer Verachtung des Bildungsbürgertums,
weil es Hitler nicht verhindert hatte. Doch es war nicht die Bildung, die versagt
hat – es waren die Gebildeten, die ihre Ideale verrieten. Bildung muss man eben
nicht nur haben, man muss auch nach ihr leben.
Manchmal wundere ich mich, wie ruhig ihr seid, trotz eurer Aufrufe und Kampagnen via
Internet, trotz Unterschriftensammlungen per Email, trotz Straßenaktionen. Wo bleibt
die Einforderung eurer Lebenschancen? Habt ihr das Gefühl, ein Aufschrei sei sinnlos
angesichts des fundamentalen Kapitalismus? Oder ist die Masse der Probleme zu unübersichtlich?
Für einen wie mich, der, als er so alt war wie ihr, noch nicht einmal einen Kopierer kannte,
geschweige denn Fax oder Computer, Internet oder Mobiltelefon – für einen homo
prae-Xerox also – sind eure Möglichkeiten, sich auszutauschen und weltweit Fragen zu
diskutieren, phantastisch. Was macht ihr daraus? Was folgt aus den vielen intelligenten
Blogs und den dort ablaufenden polyglotten Dialogen? Ich glaube nicht, dass es reicht,
Unzufriedenheit zu formulieren. Jede Gesellschaft entwickelt sich gemäß den konkreten
Entscheidungen ihrer Apparate. Wollt ihr denen die Initiative lassen, die demokratische
Wege nur beschreiten, um an ihrem Ziel die Demokratie zu beseitigen? Solche Usurpatoren
gibt es nicht nur fern am Bosporus. Mitten in unserer Europäischen Union sind Staaten
auf dem Weg zur Autokratie, streben sogenannte Rechtspopulisten mit ihrer ruinösen
Ideologie nach politischer Macht. Schon wurden die Rechte auf freie Meinung bei europäischen
Nachbarn beschnitten. Wer die Freiheit des Wortes abschafft, tut dies immer,
um anschließend ungestört weitere Freiheiten zu beseitigen. Bei mir klingeln
Alarmglocken. Bei euch nicht?
Was will der Alte, könnt ihr euch fragen.
Ich will, dass ihr Hoffnung setzt in euch selbst und in eure Vernunft. Ich weiß, dass ihr
mindestens so intelligent seid, wie wir es waren. Hinzu kommt eure milliardenfach erhöhte
Möglichkeit zur Information. Sie ist auch als Widerstand nutzbar. Aber sind
Whistleblower die einzigen Helden der Gegenwart? Was ist mit denen, die sehen und
schweigen? Und glaubt ihr wirklich, man könne Bildung an Wikipedia outsourcen? Jeder
Idiot kann etwas wissen. Entscheidend ist das Verständnis. Der Satz stammt von Albert
Einstein. Ich fand ihn im Internet, hoffentlich ist er authentisch, jedenfalls stimmt er; nur
wer versteht, kann gestalten.
Es war ein 93jähriger ehemaliger UN-Diplomat, Stéphane Hessel, der vor sechs Jahren
ein Pamphlet unter dem Titel Indignez-vous! – Empört euch! – der französischen Jugend
widmete. Nach der damaligen Welt-Finanzkrise rief Hessel zum politischen Widerstand
auf. Der Text hat 15 Seiten und wurde millionenfach gekauft. Die Folgen? Keine. Die Hasardeure
spekulieren wie zuvor und sind bereit, aus Geldgier eure Zukunft zu riskieren.
Ist mein Eindruck falsch, dass ihr euch nicht empören wollt, weil ihr meint, dass sich dadurch
ohnehin nichts ändert? Doch es geht darum, wie ihr leben wollt! Es geht um euer
Gerechtigkeitsempfinden, eure Einsicht in Gut und Böse, es geht um die alte Erkenntnis,
dass jeder Zentimeter Freiheit, der ungenutzt bleibt, von den Kontrolleuren und
Herrschsüchtigen besetzt wird.
Ja, es stimmt, effektiver Widerstand ist schwierig geworden, aber soll er von denen definiert
werden, die von sich behaupten: Wir sind das Volk? Die Masse allein macht es nicht,
auf die Ziele kommt es an. Wenn Hunderttausende blödsinnigen Parolen nachlaufen,
werden sie dadurch nicht klüger. Ich kenne, offen gesagt, kaum Dämlicheres als die Bewunderung
von neunzig Millionen Followers für banale Handy-Selfies auf Instagram.
Ständig werdet ihr umschrien: Tu dies, kauf das, verbinde dich mit tausend Freunden,
stell dein Bild ins Netz – das mag ja alles Spaß machen, nur ist der Zweck dieser Appelle
Ablenkung von euch selbst, Datenentgeignung und die Prägung hedonistischer Interessen,
anders gesagt: Es handelt sich um Zukunftsklau.
Vielleicht ist der Rückzug auf den virtuellen Zirkus eure Reaktion auf eine absurde Welt,
in der amerikanische Präsidentschaftskandidaten brüllen wie Leipziger Pegida-Führer
oder mit der Bibel als politischem Programm wedeln wie Dschihadisten mit dem Koran.
Ihr lebt wahrhaftig nicht in einem Zeitalter der Aufklärung, sondern müsst euch gefasst
machen auf eine Zukunft, die möglicherweise an den kriminellen Narren der Politik, den
verblendeten Gottespropheten und den amoralischen Geldraffern scheitert, bevor sie
beginnen kann.
Um so dringlicher seid ihr aufgefordert, euch rechtzeitig klarsichtig und kritisch einzumischen.
Die griechische Vokabel κρίνειν (krinein) meint: beurteilen, einordnen. Daraus leitet sich
der Begriff Kritik ab: Nur ein urteilsfähiger Kopf kann richtig und falsch, sinnvoll und
schädlich, wahrhaft und verlogen unterscheiden. In unserer Zeit, in der Hass sich als Lebenshilfe
tarnt, Propaganda als Offenbarung, Wahnsinn als letzte Weisheit – in einer solchen
Zeit scheint mir nichts wichtiger zu sein, als umfängliche Bildung und Kompetenz
zu erwerben und einen vernünftigen Standpunkt zu finden.
Wirkt mit in den Institutionen eurer Gesellschaft, eures Lande, Europas: offen, kritisch,
mutig; wenn es sein muss, tapfer!
Durchschaut die Heilsbringer, die mit orthodoxen Theorien behaupten, den Generalschlüssel
zur Lösung aller Probleme in der Hand zu halten. Wer so redet, ist entweder
ein Idiot oder ein Lügner.
Es steht viel auf dem Spiel. Stellt euch vor: Europa zerbricht an den nationalen Egoismen,
an der Zerstörungswut der rechtsradikalen Parteien. Wo werdet ihr dann leben? In
einem über Jahrtausende geistig führenden Gebiet der Erde, das dann in politisch und
kulturell bedeutungslose Kleinstaaten zerfällt, die zum Spielball der Großmächte werden.
Im Vergleich zu einer solchen Zukunft sind CETA und TTIP, gegen die viele von
euch verständlicher Weise protestieren, vorsichtige Umarmungen... Es lohnt sich, für
Europa zu kämpfen, für Aufklärung und Vernunft; auch für jene gesellschaftlichen Liberalisierungen,
die meiner Generation einigermaßen gelungen sind. Wehrt euch gegen die
Propagierung vorgestriger Ideen als Patentrezept für die Zukunft! Die Geschichte kann
sich in neuen Masken wiederholen. Ihr könnt das verhindern. Die Mühen sind absehbar.
Geschenkt wird euch nichts."
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1 "Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat!" Typisch rheinisch parierte Konrad Adenauer in einem Hintergrundgespräch mit 14 deutschen Chefredakteuren am 2. April 1952 die damals laufende öffentliche Debatte um die Personalpolitik des im Aufbau befindlichen Auswärtigen Amtes. (DIE WELT, 18.1.2006)
2 Hörspielzyklus Träume. Frankfurt, Suhrkamp, 1953. Erstsendung nwdr, 19.4.1951

©Gert Heidenreich2016


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