Diakon in der frühen Kirche und heute

Zum Verständnis unserer Diakonie: Die Predigt von Diakon Georg Spindler zur Eucharistiefeier am Diakoniesonntag 2016 in der Alt-Katholischen Allerheiligenkirche Rosenheim.

Wir können uns heute nur sehr schwer vorstellen, wie die ersten Anfänge des Christentums ausgesehen haben. Die „Kirche des Anfangs“ hatte fast nichts mit der Form von Kirche zu tun, die wir heute antreffen. Es gab keine „Institution Kirche“, keine Kirchengebäude, keine Altäre, keinen berufsmäßigen Klerus, keine Kirchensteuer, kein Theologiestudium, auch keine Sakramente in unserem Sinn. Es gab noch kein „Neues Testament“, keine Pfarrer, keine Kirchenleitungen, also fast nichts von dem, was für uns heute Kirche ist.

Was aber gab es dann? Es gab das Feuer, das von einem Menschen aus Galiläa angezündet wurde, es gab die große Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde und vor allem gab es eine völlig neue Art zu leben. Wenn wir uns heute fragen, warum die junge Kirche in der Antike sich so schnell ausbreiten konnte, dann lag es hauptsächlich an dieser völlig neuen Hinwendung zu Armen, Notleidenden und Unterdrückten. Das war das Besondere an dieser Bewegung, die noch weit davon entfernt war, eine neue Religion zu werden und die das vielleicht auch nicht wollte.

Die frühen Gemeinden kannten noch kaum feste Formen der Organisation, aber es gab es eine Reihe von Begabungen. Daraus entwickelten sich bald gewisse „Dienste“, die dann später zu fest umrissenen Ämtern wurden, z.B. zum Amt des „Episkopos“ oder des „Diakonos“. Das Amt der „Presbyter“ war noch nicht ausgeprägt. Der Diakon trug Sorge dafür, dass der Geist des Erbarmens und der Zuwendung in der Gemeinschaft lebendig blieb, wies auf verborgenes Leiden hin, nannte Not und Unrecht beim Namen, hielt den Bischof und die Gemeinde auf dem Laufenden und erinnerte sie an ihre Berufung, Salz der Erde zu sein.

Als das Christentum im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion des römischen Reiches wurde, veränderte sich das Erscheinungsbild sehr stark: es wurde zur „Religion des guten römischen Bürgers“ und passte sich auch äußerlich immer mehr den sie umgebenden Religionen an. Die Leiter der Gemeinden wurden zu Opferpriestern, das noch aus den Zeiten der Apostel stammende Amt des Diakons hielt sich zwar noch einige Jahrhunderte, veränderte sich dann aber immer mehr und wurde zur Durchgangsstufe auf dem Weg zum Priestertum. Alle Amtsträger wurden zu Beamten, deren Aufgabe hauptsächlich in der Erziehung der Menschen zu loyalen Bürgern bestand.

Mit dem Geist der frühen Kirche hatte dies nicht mehr viel zu tun. Welche Kraft kann denn ein Christentum noch haben, das nur noch um sich selber kreist und um die Bewahrung des eigenen Bestandes? Welche Strahlkraft geht von Christen noch aus, die Angst davor haben, mit ihrem Namen aufzutreten und sich gegen Unrecht und Unheil zu engagieren?


Sântana in Rumänien: Früchte der Diakonie

Seit achtunddreißig Jahren bin ich Diakon, seit vierundzwanzig Jahren in dieser Gemeinde. Ich bin Diakon geworden, weil ich mich zu diesem Amt berufen fühle und wollte auch nie Priester werden. Nie aber habe ich mich mehr mit meiner Berufung als Diakon eins gefühlt als in der Zeit der vielen Hilfstransporte und in der Begleitung unserer damaligen bosnischen, überwiegend muslimischen Kriegsflüchtlinge. Und nie werde ich das Wort vergessen, das mir einmal einer von ihnen sagte: „Die einen Christen haben auf uns geschossen und uns vertrieben, und andere Christen helfen uns, wieder als Menschen leben zu können.“ Aber wenn ich mir denke, welche Widerstände wir damals zu spüren bekamen, wie oft ich auch gefragt wurde, warum wir uns denn um „die da“ kümmern?

Warum ist das Amt des Diakons so wichtig? Können von dem, was Diakone tun, nicht das meiste auch „Laien „ tun? Die Kirche braucht Diakone, weil dieser Dienst dem gesamten geistlichen Amt und dazu der ganzen Kirche ein anderes Gesicht geben kann. Diakonenamt ist alternatives Amt, in dem nicht mehr nur Ritus und Lehre einseitig und dominierend im Zentrum stehen, sondern die Sorge für Menschen in Not, Angst und Elend, die Leidenschaft für Gerechtigkeit, die Begleitung Zweifelnder und Gescheiterter. So wird das Bild der Kirche abgerundet. Sicher gibt es das auch sonst in der Kirche. Immer sind Menschen aufgetreten und haben sich in genau diesen Bereichen engagiert: einfache Gemeindemitglieder, Menschen in speziell dafür ins Leben gerufenen Gemeinschaften, auch viele Priester und Bischöfe. Aber es ist wichtig, dass es dafür ein eigenes Amt gibt, auch um die anderen Amtsträger immer wieder darauf hinzuweisen, dass das Wesen des kirchlichen Amtes im Dienst begründet ist und nicht nur im Verwalten, nicht nur in der Feier der Liturgie, nicht nur im oft endlosen Wort. Dazu braucht es den Diakon. Die frühe Kirche wusste das. Diese Tradition wieder aufleben zu lassen, halte ich für sehr wichtig und darum bin ich Diakon.


„La Crèche“ in Bethlehem: Erstes Glück und Obhut

Wie schön wäre es, wenn jede Gemeinde wieder einen oder mehrere Diakoninnen oder Diakone hätte, die mit einem kleinen Kreis von Mitarbeitern Hilfen anbieten, Not und Einsamkeit erträglicher machen, den Kontakt zu Außenstehenden suchen, Menschen in ihren Sorgen nachgehen und dies auch in der Feier der Liturgie sichtbar zum Ausdruck bringen! Zur Botschaft Jesu gehört unverzichtbar die Bereitschaft, für Schwache, Verfolgte, Trauernde, Leidende und für die „Randfiguren“ der Gesellschaft einzustehen und dafür auch etwas zu riskieren.


"Kommt und macht mit"

Meine Frau und ich freuen uns, dass wir heute Gelegenheit dazu haben, über unsere beiden Diakonieprojekte Sântana in Rumänien und Bethlehem in Palästina zu informieren. Aber reicht es wirklich, diese Diakonieprojekte nur zu „haben“? Es wäre so schön, wenn sich wieder mehr Menschen aus unserer Gemeinde engagieren könnten, um diese Projekte zu ermöglichen und zu unterstützen. In den vergangenen Jahren waren es fast nur meine Frau und ich, die sie am Leben erhalten haben. Dürfen wir hoffen, dass sich das wieder ändert….?

Rosenheim 20.11.2016

Georg Spindler

Hausmoning 7 ½, 83317 Teisendorf
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Telefon: (08666) 9896337