Die Taufe als Angesprochensein

Betrachtungen zu Lk 3, 21-22 aus einer Predigt von Pfarrer Dr. André Golob im Januar 2016. Am 8. Januar begehen wir wieder einmal das Fest der „Taufe des Herrn“ – immer auch ein Anlass über die eigene Taufe nachzudenken. Was bedeutet Taufe eigentlich?

Für uns Alt-Katholiken ist es eines der sieben Sakramente und wenn wir auch kein Sakramentenrecht haben, so wird auch in unserer Tradition der Täufling mit einem „character indelibilis“, einem „unauslöschbaren Prägemal“ versehen. Auch wenn der Getaufte später einmal zum Satanismus konvertiert oder unsägliche Verbrechen begeht, einmal getauft bleibt er Christ. Er unterliegt dann - so sieht es das kanonische Recht - nur einer Kirchenstrafe. Es ist wie mit der Priesterweihe: Einmal Priester(in), immer Priester(in). Eine sehr juristische, dogmatische und in gewisser Weise magische Sicht.


Es ist noch nicht lange her, da glaubte man, nur Getaufte kämen in den Himmel, alle anderen seien des Satans fette Beute. Frühgeburten wurden außerhalb des geweihten Bereichs eines Friedhofs beerdigt – zusammen mit den Selbstmördern. Dies führte zu hysterischen Exzessen. Schon in den Kreißsälen standen Schalen mit geweihtem Wasser. Es kam nicht selten vor, dass Ungeborene mit einer Riesenspritze bereits intrauteral, d.h. im Mutterleib, getauft wurden. Manch Schwangere mieden katholische Krankenhäuser, weil bei Komplikationen stets zugunsten des ungetauften Kindes entschieden wurde. Damals hatte die Kirche noch den Daumen drauf und verpflichtete jeden Arzt dazu, die Mutter sterben zu lassen, damit das Kind getauft werden könne. Noch im Jahre 2007 gehörte die Vorstellung vom Limbus, einer Art Vorhölle für ungetaufte Seelen, zur offiziellen Lehre der römisch-katholischen Kirche.

Was geschieht denn nun wirklich bei der Taufe, welche Bedeutung hat sie tatsächlich? Ein Blick ins dritte Kapitel des Lukasevangeliums gibt Aufschluss.

Es fällt zunächst der große Unterschied auf zwischen der Taufe des Johannes und der Taufe, wie Jesus sie versteht. Für Johannes den Täufer ist Taufe, wie für viele archaische Religionen, ein Akt der Reinigung, ein Abspülen von Schuld, eine Umkehr mit Blick auf ein endzeitliches Gericht. Sie ist eine Reaktion auf ein Gefühl der Beflecktheit, der Sündhaftigkeit, geschieht aus Angst, als eine Reaktion auf Mahnung und Drohung und sie führt letztendlich in die individuelle Askese und Weltflucht.

Ganz anders stellt sich die Taufe Jesu dar. Sie erscheint als Ausdruck des uneingeschränkten Angenommenseins und vermittelt uns Christinnen und Christen: Gott ist unser Vater. Egal, was wir getan haben, gleich, wie niederträchtig wir auch gehandelt haben, so bleibt er uns doch liebevoll verbunden, verzeiht, wohl wissend um die Beweggründe unseres Verhaltens. In der Taufe spricht Gott uns an und zeigt uns seine väterliche Liebe. Der Himmel öffnet sich und vom Himmel, so berichtet Lukas, ertönt die Stimme Gottes: „Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe ich Gefallen gefunden.“ Dies gilt ein Stück weit auch für uns. Vertrauensvoll dürfen wir uns ihm übergeben, nie wird er uns strafen, sondern uns so annehmen mit all unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten, denn er ist unser Vater. Gott kennt kein Leistungsprinzip, Religion ist kein Geben und Nehmen. Die Zeiten der Strafmaßnahmen und Sintfluten, die manch religiöser Führer sich zurück- wünschen mag, sind Vergangenheit. Die Religion der Angst ist überwunden. Da wo sich nur ein Hauch von Angst in Religion findet - dessen können wir uns sicher sein - haben Menschen sie in ihr Gegenteil verkehrt. Bizarr gestaltet sich eine Religion, die Menschen Furcht einflößt und ihn aus Abschreckung „moralisch“ handeln lässt – dann wird aus Religion etwas rein Juristisches. Auch deshalb sucht man heute vergeblich auf den Lehrplänen der theologischen Fachbereiche nach der alten, normativer Ethik.

Das Lukasevangelium zeigt uns unmissverständlich: In der Taufe beginnt für den Menschen ein Dialog mit Gott. „Du bist mein geliebter Sohn“ – „Du“. Wann irgendjemand auf ein solches Du mit seinem Ich antwortet, beginnt eine wirklich menschliche Rede, ein Dialog zwischen Ich und Du, in dem beide sich austauschen und beide sich wechselseitig einander verdanken.

Ein solcher Dialog, so meint Martin Buber, sei der Grund aller Religionen. Wie wir mit Menschen, wie wir mit Lebendem, mit Tieren, mit Pflanzen, mit Dingen in einen Dialog träten oder einen solchen Dialog verweigerten, das entscheide darüber, ob sich unsere Welt öffne für Gott oder sich schließe vor ihm.

Eugen Drewermann hat das an einem banalen Beispiel erläutert. Es ist möglich etwa einen Hund oder eine Katze zu betrachten als einen Gegenstand. Es, das Tier, ist und bleibt in solcher Betrachtung ein Es. Es ist Gegenstand von Zuchtversuchen, Dressurakten, von Manipulationen, um es auf dem Markt besser zu verkaufen, es ist eine Ware, die man kauft für Geld. Was dieses Es fühlt und empfindet, spielt dabei keine Rolle, es ist nur ein Es. Es ist niemals Teil unserer menschlichen Welt. Aber wie menschlich ist eine solche Welt, die ein fühlendes Wesen als Neutrum, als Es, als Ding betrachtet und behandelt. Wie eng macht sie sich, wie verroht mag sie sein?

Ein Kind schon wird mit seinem Hund, mit seinem Kätzchen anders verfahren. Ein Kind, das seinen Hund oder sein Kätzchen streichelt, tritt - kaum dass es reden kann - mit diesem ihm eigentlich unbekannten Wesen in ein Gespräch. Für ein spielendes Kind wird sein Tier ein Gegenüber, ein Du. Es gibt diesem Du einen Namen, und fortan ist dieses Du nicht mehr irgendein Hund, irgendeine Katze. Das angeredete Tier tritt in die Welt dieses Kindes als etwas Einzigartiges ein. Und eines Tages geschieht es, dass allein schon das Aussprechen des Namens dem Hund, der Katze sagt, dass sie gemeint sind von diesem Kind, von diesem Menschen, und eine Brücke spannt sich zwischen Mensch und Kreatur.

Zwei ganz verschiedene Weisen sind das, Welt zu erleben: das Es oder das Du. Und je nachdem, welche dieser beiden Weisen wir bevorzugen, entscheiden wir darüber, was für Menschen wir sind. Es entscheidet auch darüber, wie wir die Kernaussagen des Christentums verstehen.

Das ist das Entscheidende an der Taufe, dass Gott uns anredet als Du und wir in ihm ein Du erkennen können. Das hat Gott uns in seinem Sohn gezeigt. In ihm sehen wir ein Du, das uns nie zu einem Es macht, das uns nie nur als Objekt betrachtet, sondern das mit sich reden lässt, das wir anreden dürfen. Und mehr noch: Jesus ist der, der uns ein absolutes Vertrauen in jenes unsichtbare Du - was wir Gott Vater nennen - schenken möchte. Er spricht, um uns einzuladen, selber zu reden. Er kommt auf uns zu, um uns anzubieten, mit ihm zu gehen. Er streckt seine Hand aus, damit wir ihm die unsrige reichen und uns von ihm die ganze Welt und unser eigenes Leben noch einmal ganz neu zeigen lassen.

Taufe ist das Sakrament des Angesprochen-werdens, der Individuation, des Subjekt-werdens. Durch die Taufe werden wir Dialogpartner, durch die Taufe erhalten wir eine Stimme. Durch die Taufe werden wir Theologinnen und Theologen – denn Theologie betreiben heißt „reden zu Gott“. Das ist es, was uns von anderen unterscheidet, dass wir nicht von Gott reden, sondern mit ihm.

Evangelische Christen beneiden uns, weil sich am Eingang unserer Kirchen ein Wasserbecken befindet. Für uns Alt-Katholiken ist es kein Weihwasserbecken, sondern ein Tauferinnerungsbecken. Vor jedem Gottesdienst tauchen wir den Finger ins Wasser und erinnern uns an unsere eigene Taufe und an das liebevolle Angesprochensein durch Gott.