Gottesdienst am Sonntag den 05.04.2020

„Chance zur Besinnung“

Ein weiteres Wort zur aktuellen Krise

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitmenschen,

wieder ist ein Woche vorbei und an unserer Situation hat sich nicht wirklich etwas verbessert, obgleich die Wirtschaft bereits mit den Füßen scharrt. Denn der momentane Stillstand birgt die Gefahr nachhaltiger, ökonomischer Schäden. Aber die Prognosen sind so gut nicht und in Anbetracht der Bedrohung durch Krankheit und Tod erscheinen wirtschaftliche Interessen zweitrangig. Die Lage zurzeit stimmt nicht gerade hoffnungsvoll. Umso wichtiger ist mir persönlich der Glaube. Ohne diese religiöse Dimension könnte ich schwer standhalten. Doch bei allem Leid, dem Tod, der Hinfälligkeit und Einsamkeit liegt in der momentanen Situation auch so etwas wie eine Chance.

Ausgangsbeschränkungen und das damit verbundene Herunterfahren der üblichen Betriebsamkeit und Hektik bringen eine ungeahnte Entschleunigung in unser Leben – Zeit zur Ruhe zu kommen und zu reflektieren. Vielleicht müssen wir in dieser Zeit lernen umzudenken, neue Wege zu beschreiten, zu planen für die Zeit nach der Epidemie. Wir werden verändert aus dieser Krise hervorgehen und ich bin mir sicher ein Stück weit geläutert und besser.

Die Natur erlebt zurzeit eine Katharsis, eine Reinigung. Aus den Großstädten ist der Smog verschwunden, im Hafenbecken von Venedig schwimmen wieder Delphine, sogar in unserem Garten können wir ungewohnte Vogelarten wiederentdecken. Es muss uns zu denken geben, dass eine menschliche Tragödie der Natur derart zum Vorteil gereicht. Schon lange hatten Menschen das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann.

In Zeiten der Not rückt man - dem obligatorischen Einmeterfünfzig-Abstand zum Trotz - zusammen. Kreative und solidarische Dinge passieren. Endlich bekommen Berufsgruppen die Anerkennung, die sie verdienen. Doch die mangelnde Wertschätzung und Vergütung hat dazu geführt, dass dringend benötigtes medizinisches Personal und Pflegekräfte nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Auch die Kommerzialisierung unseres Gesundheitssystems hat dazu beigetragen. Wir alle sollten in der Zeit des Rückzugs darüber nachdenken, was wir nach der Pandemie daran ändern.

In unserer Gesellschaft muss sich Einiges bewegen. Auch unser Wirtschaftsgebaren sollten wir reflektieren, darüber nachdenken, ob das Prinzip des ökonomischen Egoismus noch Sinn macht. Ein kleines Beispiel: Das Material für Atemmasken, die Maschinen, die zu ihrer Herstellung nötig sind, kommen aus Deutschland. Doch um die Gewinne zu steigern, produziert man sie in Billiglohnländern wie Indien, wo es kaum Gewerkschaften gibt und kein gerechtes Lohnsystem. Nachdem auch in diesen Ländern wegen der Pandemie das gesellschaftliche Leben heruntergefahren wurde, werden dringend benötigte Schutzmasken knapp. Wir erhalten die Rechnung für unser unsoziales, unchristliches Verhalten. Wieder einmal mehr werden wir zum Umdenken gedrängt.

Nutzen wir die Zeit der Entschleunigung, um zu uns selbst zu kommen, zu reflektieren, Gewöhnliches und Gewohntes infrage zu stellen. Letztendlich befinden wir uns in einer Art unfreiwilliger Fastenzeit – eine Chance, unser Potential und ungeahnte Möglichkeiten zu entdecken. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass weniger auch mehr bedeuten kann. Es gilt positive Visionen zu hegen und zu pflegen. Der Geist schafft die Materie, wie man so schön sagt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Kraft und Hoffnung in der bevorstehenden Heiligen Woche. Legen Sie alle Furcht beiseite, denn Angst ist kein guter Ratgeber, und seien Sie optimistisch.

Und schließen Sie die Menschen, die der Epidemie zum Opfer gefallen sind, in ihre Gebete mit ein. Wir sind ihnen in Jesus Christus verbunden, denn der Tod ist nur eine Tür, die sich zum Licht öffnet, zu einem Raum der Wahrheit und Güte – ein Ort des Wiedersehens.

Gott segne Sie und bleiben Sie gesund.

 Ihr  Pfarrer Dr. André Golob




Hier gehts zum Gottesdienst vom 05.04.2020 zum mitlesen, den Dr. André Golob vorbereitet hat