Gottesdienst am Sonntag den 19.04.2020

Κρίσις – „Eine entscheidende Wendung“

Noch ein Wort zur aktuellen Lage

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitmenschen, 

Ostern ist dieses Jahr nicht ausgefallen. Wir haben es gefeiert! Christliche Feste finden im Herzen statt und sind nicht abhängig von Öffnungszeiten kirchlicher Gebäude. Neue Formen von Verbundenheit und Nähe werden erdacht und erprobt. Und die sozialen Einschränkungen sind zu ertragen, da sie Sinn machen und ihr Ende absehbar ist. Für manche Menschen ist es zurzeit schwer. Den Großeltern fehlen die Enkel, den Kranken die Besuche von Freunden und Verwandten und manchen erdrückt die Enge der eigenen vier Wände. Doch der Großteil der Menschen kommt mit der momentanen Situation klar, ist reifer und einsichtiger als die Medien es darstellen.  

Und die Verschwörungstheoretiker reiben sich wieder einmal die Hände - anstatt sie zu waschen - und suchen nach Sündenböcken. Es ist wichtig, dass wir uns nicht manipulieren lassen, sondern weiterhin optimistisch bleiben und uns vernünftig verhalten. Um eine bedrohliche Situation zu meistern, bedarf es einiger Zeit und Anstrengung. Wir sollten mit Vorsicht dem Überbietungswettbewerb in Politik und Wirtschaft begegnen. Eine Post-Corona-Zeit kann man nicht erzwingen – auch wenn man sie noch so sehr herbei sehnt. Sie unterliegt der normativen Kraft des Faktischen.  

Wir müssen wohl oder übel lernen mit dem Virus zu leben und dabei trotzdem nahe am Menschen zu bleiben. Wir Kirchen haben Vorbildcharakter. Das Schicksal jedes erkrankten Menschen, der Tod jedes Einzelnen ist für uns eine Tragödie. Der Weg zu einer „Herdenimmunität“ ist logischer Weise mit Leichen gepflastert. Corona ist somit auch eine Herausforderung an die christliche Ethik. 

Vielleicht sollte darüber nachgedacht werden, ob man die Kirchen weiterhin geschlossen hält. Alles andere könnte grob fahrlässig sein, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass das Gros der Kirchenbesucher in der Regel Seniorinnen und Senioren sind. Ein Gottesdienst lebt von der Nähe der Teilnehmer untereinander. Das gilt insbesondere für Bestattungsfeiern, wo Menschen sich weinend in den Armen liegen, wo eine Hand Trost und Halt bieten kann. Eine Kommunionfeier, bei der Priesterinnen oder Priester mit Gasmaske und Handschuhen bestückt das Brot brechen, erscheint mir absurd. 

Der Begriff Krise stammt übrigens aus dem Altgriechischen (Κρίσις) und bedeutet ursprünglich „entscheidende Wendung“. Die Coronakrise ist ein Warnschuss für uns Menschen und sie lehrt uns Dinge zu schätzen, die sonst kaum Beachtung fanden. Bei all der grausamen Realität dieser Pandemie, so ist sie auch eine Chance zur Umkehr. Virus Covid-19 ist Bestandteil der Schöpfung. Weil der Mensch diese immer wieder missachtet und verletzt, weil er maßlos ist in seiner Gier, skrupellos Schutzzonen der Natur ignoriert, hat er scheinbar etwas entfesselt, was nun zurückschlägt. Lernen wir aus dieser Krise, erweisen wir in Zukunft der Schöpfung Gottes Respekt und Achtung! Dies sollte zu einer nachhaltigen, ja vielleicht einer kopernikanischen Wende in der Geschichte unserer Menschheit führen. Als Christinnen und Christen stehen in der Verantwortung, diese Chance nicht ungenutzt zu lassen.  

Ich freue mich, mit Ihnen zusammen den nächsten Netzwerkgottesdienst am „Weißen Sonntag“ zu feiern und ich hoffe, auch Sie spüren die tiefe Verbundenheit, wenn wir in Gedanken und Gebet vereint sind. Wir sind nicht allein!  

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen … und bleiben Sie weiterhin gesund!

Ihr Pfarrer Dr. André Golob


Hier gehts zum Gottesdienst am 19.04.2020 um 10 Uhr zum Mitlesen, den Pfarrer Dr. André Golob vorbereitet hat.