Gottesdienst am Sonntag den 19.07.2020

„Die Leere der Zeit nutzen“
Zwanzigstes Wort zur aktuellen Lage

L
iebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitmenschen, 

nun sind es weltweit fast 13 Millionen Menschen, die sich mit dem Virus angesteckt habe. 570.000 Menschen fielen ihm bislang zum Opfer und starben. Die Welt kann von Glück sagen, dass das Risiko an einer Coronainfektion zu sterben bei geschätzten 0,1 bis 10 Prozent liegt. Bei der mittelalterlichen Pest waren es über 50 Prozent und die ersten Symptome kamen einem Todesurteil gleich. Mit Blick auf diese Tatsache ist man fast geneigt von einem Glück im Unglück zu sprechen.

Es gilt weiterhin Vorsicht walten zu lassen, Sensibilität an den Tag zu legen, im Umgang mit uns selbst und vor allem mit den Anderen.

Es ist beeindruckend, wie viele Milliarden Euro der Staat investiert und welche finanziellen Anstrengungen er unternimmt, mit Hilfsprogrammen jene zu unterstützen, die arg von der Seuche gebeutelt wurden, und dabei die Volkswirtschaft zu retten. Die Maßnahmen haben einen Umfang von über einer Billion Euro, das sind 1000 Milliarden - also eine Eins mit zwölf Nullen. Es ist unglaublich, welche unvorstellbaren Summen der Staat, die Europäische Union und die weltweite Nationengemeinschaft aufbringen, um den schädlichen Folgen der Pandemie entgegenzuwirken.

Bei all den schwindelerregenden Summen muss ich immer wieder an die zwanzig Millionen Flüchtlinge in Afrika denken, deren Rettung nur vier Milliarden Euro gekostet hätte - Peanuts im Verglich zu den heutigen Investitionen. Doch die Vereinten Nationen, der Zusammenschluss fast aller Länder weitweit, war nicht willens diese Summe aufzubringen. Wenn schon ein kleiner Staat wie Deutschland Billionen aufbringen kann, um wirtschaftliche Schäden durch die Pandemie abzudämpfen, wie leicht wäre es der UNO gewesen, diese verhältnismäßig kleine Summe für die Lebensrettung von Frauen und Kindern auf der Flucht aufzubringen. Doch ungern investiert man da, wo keine Gewinne und Renditen zu erwarten sind, ohne eigenen Vorteil in Aussicht zu haben. Mitunter bringt das grauenhafte Leid von Menschen auch eigene Vorteile, wie zurzeit das russische und chinesische Veto gegen den offenen Zugang zu Flüchtlingslagern in Syrien offenbart. 

Der Mensch ist maßlos in seinem Egoismus, nicht nur seinen Mitmenschen gegenüber, sondern auch der Natur. Letztens las ich in einem Artikel, wir befänden uns im Zeitalter der Anthropozäns. Das heißt übersetzt, das Zeitalter, in dem der Mensch uneingeschränkt im Mittelpunkt steht. Alles um ihn herum, die Natur, die Geschöpfe in ihr, sind einzig und allein dazu da, seinem Vorteil und Fortkommen zu dienen. Sie gelten als Ressourcen, die der Mensch zu seinem Nutzen und ohne Skrupel ausbeutet. In seinem Wahn über allen Dingen zu stehen dringt die Menschheit in Regionen vor, die für sie tabu sein sollten. Die momentane Bedrohung durch das Virus sollte uns lehren, unsere Überheblichkeit und unseren Egoismus zu überdenken. Letztendlich ist auch die Pandemie anthropogen, also vom Menschen gemacht - eine Antwort der Natur auf menschliche Maßlosigkeit und Arroganz. 

Hier ist auch Kirche gefordert und berufen Stellung zu beziehen, ethische Forderungen zu stellen und den Menschen klar zu machen, dass Gottes Schöpfung keine nationale Frage sein und nicht zu einem Spielball wirtschaftlichen Kalküls werden darf. Religiöse Botschaften bieten stets Gegenentwürfe zu unserer unperfekten Gesellschaft. Ihnen gilt es, den Status quo zu verbessern, hinzuarbeiten auf menschliche, gerechte, paradiesische Zustände und es geht ihnen um das Hier und Jetzt. 

Wir müssen wieder Achtsamkeit lernen, auch uns selbst gegenüber. Wie wir mit uns umgehen, so gehen wir mit anderen und unserer Umgebung um. Nutzen wir die Zeit der Coronakrise, die uns manchmal zu Langsam- und Bedächtigkeit nötigt, um die Leere der Zeit mit unseren eigenen Herzen zu füllen. 

Bleiben Sie gesund und gelassen! Mit Gottes Segen,  

Euer / Ihr Pfarrer Dr. André Golob



Hier gehts zum Gottesdienst zum Mitlesen am 19.07.2020 um 10.00 Uhr, den Pfarrer Dr. André Golob vorbereitet hat.