Gottesdienst am Sonntag den 26.07.2020

„Fletten se körf“
Noch ein Wort zur aktuellen Lage             

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitmenschen, 

so vieles hat sich verändert in den letzten Monaten. Und noch wissen wir nicht, wo das alles hinführen wird. Klar ist aber, es gibt trotz aller Krisenstimmung auch hoffnungsvolle Neuanfänge. Und ich habe das Gefühl, dass sich auch im zwischenmenschlichen Bereich etwas getan hat. Sicherlich, manche jungen Leute scheren aus der Bahn des Vernünftigen aus und auch im Urlaub lässt der ein oder andere sich mitreißen und ignoriert alle Ratschläge zum Schutz vor dem Virus. Dennoch meine ich, eine gewisse, neue Ernsthaftigkeit zu erkennen. Man tauscht sich aus über die Erfahrungen in der Krise, die trotz aller Bedrohung nicht nur negativ waren. Zum Teil haben sie unseren Horizont erweitert und uns wieder schätzen gelehrt, was als Normalität kaum wahrgenommen wurde. Mitunter ist uns in den letzten Wochen klar geworden, was wirklich zählt und was wichtig ist. 


Ich persönlich merke, dass mir das Leben mit weniger Terminen besser gefällt, als ein ständiges Unterwegs sein zu Konferenzen und Tagungen, an die man sich ein paar Tage später gar nicht mehr erinnert. Jetzt, wo der Alltag zurückkommt, wird mir bewusst, dass ich in den vergangenen Monaten eine bessere Wahrnehmung für mich selbst entwickelt habe. Ich spüre, was mir gut tut, und was ich nicht mehr will. Und in Gesprächen merke ich: nicht nur ich empfinde das so. Wir entdecken gerade etwas Überraschendes - eine neue Kreativität und eine neue Liebe zum Leben. Lebensträume, Sehnsüchte jenseits von Konsum und Kommerz sind wichtiger geworden und es geht auch um Spirituelles. Trotz der Öffnung aller Konsumtempel ist das Echo auf das Angebot ausgiebig zu shoppen doch eher verhalten. Wir hatten uns in der Vergangenheit womöglich vergaloppiert und merken nun, was wirklich entscheidend ist. Und wir lernen: Wir müssen nicht überall dabei sein und verpassen dabei nichts. 

Im Kontext der aktuelle Pandemie hört man oft die englische Redensart „flatten the curve“ (in etwa ausgesprochen: fletten se körf), das heißt wörtlich „die Kurve flach halten“. Gemeint ist die Infektionsentwicklung, doch man kann diese Aufforderung auch auf andere Lebensbereiche beziehen, gegen den Klimawandel zum Beispiel, gegen Hektik und Stress im Alltag, gegen Konkurrenzgebaren und aggressives Gewinnstreben. 

Wir werden sehen, wie es nach der Entwicklung eines Impfstoffes weitergehen wird. Wird es uns in einem Wirtschaftssystem, das auf ständiges Wachstum setzt, gelingen, die Kurve flach zu halten, neue Wege zu beschreiten? Wir haben es in der Hand, aus der Krise zu lernen! 

Bleiben Sie gesund und halten Sie den Ball flach! Mit Gottes Segen,          

Ihr Pfarrer Dr. André Golob



Hier gehts zum Gottesdienst zum Mitlesen am Sonntag den 26.07.2020 um 10.00 Uhr, den Pfarrer Dr. André Golob vorbereitet hat.