Gottesdienst am Sonntag den 20.09.2020

„Der zögerliche Samariter“
Der 29. Kommentar in der Coronazeit 
 
           

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitmenschen,

vor einigen Monaten habe ich mich zusammen mit einigen Kollegen, Künstlern und Prominenten an einem Videoaufruf an unsere Regierung beteiligt. Es ging um die menschenverachtenden Zustände im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Nun ist dieser Schandfleck menschlicher Herzenskälte Opfer eines Brandes geworden und zehntausende Menschen sind nun ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Nahrung und Wasser – darunter mehr als 8.000 Kinder. Auf Hilfe aus Deutschland warten sie vergebens. Zum Ausgleich der Corona-Folgen wurden hunderte Milliarden Euro der Wirtschaft bereitgestellt, doch mit der Hilfe für einige wenige Flüchtlingskinder scheint die Politik überfordert. Man wolle keinen Alleingang, sondern erst die Reaktionen der Europäischen Union abwarten. Ich muss an den barmherzigen Samariter denken, der zu dem am Boden liegenden Verletzten sagt: „Ich helfe dir erst dann, wenn auch die dir helfen, die an dir vorbei gegangen sind.“ Es handelt sich beim Fall Moria um ein ethisches Totalversagen der Politik und man muss sich fragen, welche Werte heute eigentlich unsere Gesellschaft prägen? Christliche Werte scheinen es kaum mehr zu sein.

Christinnen und Christen - und nicht nur sie - sind aufgefordert Flagge zu zeigen. Es ist offensichtlich, dass der rüde Umgang mit Hilfesuchenden aus dem Ausland wohl kalkuliert ist und dabei der Gedanke an politischen Proporz eine entscheidende Rolle spielt. Ungern möchte man Stimmen an Rechtspopulisten und Nationalegoisten verlieren. So werden zehntausende Menschen, darunter tausende Kinder, zu Statisten in einem bitterbösen Abschreckungsdrama. Sie werden zu einem Mittel zum Zweck und ihre Menschenwürde zu einem Spielball im politischen Parteienkampf. 

Man möchte verzweifeln, gäbe es da nicht die vielen Menschen und Organisationen, die trotz des menschlichen Fiaskos, nicht aufgeben. Ich denke hier z.B. an die Mediziner(innen) und Pflegekräfte von „Ärzte ohne Grenzen“, die in ihrem Engagement unverhofft ihre Grenzen finden. Jesus Christus begegnet uns immer in Gestalt eines Gegenübers, der Trost zuspricht und Hoffnung bringt. Letztendlich ereignet sich das eigentlich Christliche nicht in den Chefetagen, nicht im Vatikan oder kirchlichen Planungsbüros, sondern vor allem dort, wo Menschen ihre Perspektive verloren haben, wo sie Zuspruch und Unterstützung bedürfen und eine Antwort auf ihre Not bekommen. Wir dürfen stolz sein auf solche empathischen Menschen, die ihr Herz am rechten Fleck haben und für andere zu Engeln werden, denn sie sind der stete Beweis dafür, dass die Werte des Menschlichen unauslöschlich sind. In diesem Sinne  

herzliche und segensreiche Grüße aus dem Pfarrbüro in Rosenheim                                             

Ihr Pfarrer Dr. André Golob   

Rosenheim, den 14.9.2020

P.S.: Ich möchte alle Gemeindemitglieder an unsere Gemeindeversammlung am 27. September (11:30) erinnern und dazu noch einmal ganz herzlich einladen.  

          
 

Hier gehts zum Gottesdienst zum Mitlesen am Sonntag den 20.9.2020 um 10.00 Uhr, den Pfarrer Dr. André Golob vorbereitet hat.