Gottesdienst am Sonntag den 04.10.2020

„Macht Euch der Erde untertan!“
Der 31. Kommentar in der Coronazeit 
    
  
      

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitmenschen, 

heute feiern die christlichen Kirchen Erntedank, jenes große Familienfest, das in den USA in der Beliebtheitsskala direkt hinter Weihachten, Halloween und dem Independence Day folgt. Bei uns hat es eher eine untergeordnete Bedeutung und auch der legendäre Thanksgiving-Truthahn und die mit ihm verbundenen Rituale kennen wir nicht. 

In unserer Gemeinde nehmen wir das Erntedankfest eher zum Anlass, über den Tellerrand hinaus zu schauen und uns bewusst zu machen, dass es Menschen gibt die Erntedank nicht feiern, weil es bei ihnen keine Ernte gibt, und zwar deshalb, weil der spärliche Regen und die desolate ökologische Situation keine Fruchtbarkeit mehr zulassen. Und die Folgen des Klimawandels erreichen allmählich auch die großen Wirtschaftsnationen. Verheerende Brände, Tsunamis, Überflutungen und ähnliche Katastrophen gehören fast zum Alltagsgeschehen. Auch in Deutschland fallen die Ernten nicht mehr so üppig aus, wie noch vor zwanzig Jahren. Doch gestiegene Kartoffel- und Salatpreise kratzen unsere Wohlstandsgesellschaft wenig.

Wir müssen uns fragen, inwieweit unser westlicher Lebensstil daran ursächlich beteiligt ist und ob die Gründe, dass in Afrika nichts mehr gedeiht und die Menschen ihr Land verlassen müssen, womöglich bei uns liegen. Die Wissenschaft hat diese Entwicklung bereits in den 70er Jahren vorausgesagt, doch niemand wollte ihr glauben. Die meisten Übel in der Welt sind selbstgemachte Leiden. Das betrifft gewaltsame Kriege und Konflikte, aber auch die drohende Klimakatastrophe, Dürren und Hungerepidemien, bis hin zur Coronapandemie.

Wir treiben Raubbau an der Schöpfung. Und auch die Kirchen haben in der Vergangenheit nur ein verhaltenes Veto gegen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, eingelegt. „Du sollst Dir die Erde untertan machen“, so steht es in der Bibel. Doch dabei handelt es sich um eine fatale Fehlübersetzung. Experten für die Sprache der Bibel weisen daraufhin, dass im hebräischen Original eher ein fürsorglicher und verantwortungsvoller Umgang mit der Schöpfung gemeint ist. Diese Tatsache geht jedoch in einer Übersetzung, in der von Unterwerfung und Herrschaft die Rede ist, verloren. Vielmehr könne es heißen: Macht euch der Erde untertan. 

Religion wurde in der Vergangenheit oft missverstanden und es ist nötig zu den Wurzeln unserer Religion vorzudringen - zu dem, was Jesus und die Propheten tatsächlich gelehrt haben. Dann kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass mythologische, magische, abergläubige und staatsphilosophische Elemente den wahren Kern der Frohen Botschaft womöglich überlagert haben. Ja man muss sich mit einem Blick in die Geschichte fragen, war Christentum jemals eine frohe Botschaft. Eine Kirche, die es zulässt, das Bomben und Raketen gesegnet und Menschen im Namen Gottes malträtiert und ausgebeutet werden, hat nicht begriffen, was Jesus lehrte. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir erst jetzt so langsam begreifen, wie tief Jesus uns in die Seele blickt und was er von uns fordert. Jesus war interessiert an den Hintergründen menschlichen Verhaltens. Im Zentrum unserer Religion steht also nicht das Tun, sondern das Sein. Es geht zunächst darum in unserem Innern eine Art Erntedank zu feiern, fruchtbar zu werden, uns zu öffnen für das Gute. Es geht primär nicht darum, Gutes zu tun, sondern gut zu werden. Denn wer gut ist, handelt auch gut - ein logischer Automatismus. Es ist ein inwendiges Geschehen, eine seelische Läuterung, eine notwendige Bewusstseinsänderung. Ich muss dabei an die Tempelreinigung Jesu denken. 

Vernünftiges Handeln zum Wohl der Welt forderten auch viele politische Heilslehren. Doch bleibt es bei ihnen - wie beim Christentum der Vergangenheit - oft nur Appell und Forderung. Wenn diese nicht fruchten, folgen stehenden Fußes Drohung, Zwang, Unterdrückung und Totalitarismus. All dieser philosophischen und politischen Pseudoheilslehren hätte es gar nicht bedurft, wenn wir von Anfang an begriffen hätten, was der Mann aus Nazareth wirklich von uns fordert: Dass wir zu Menschen werden, zu dem, wie Gott uns gedacht hat. 

Vor einer reichhaltigen Ernte steht also der innere Ertrag. Nur mit der richtigen Einstellung und Erkenntnis schaffen wir es, dass alle teilhaben können an den Gütern der Erde. Erst wenn wir Gier und Egoismus ablegen und durch eine Haltung wohlwollenden Mitgefühls ersetzen, gelingt uns der verantwortungsvolle Umgang mit der Schöpfung und eine reichhaltige Ernte, die alle satt macht. 

Herzliche und segensreiche Grüße aus dem Pfarrbüro in Rosenheim                                             

Ihr Pfarrer Dr. André Golob
     
Hier gehts zum Gottesdienst zum Mitlesen am Sonntag den 04.10.2020 um 10.00 Uhr, den Pfarrer Dr. André Golob vorbereitet hat.